Bereitgestellt von
Vera Lyko

Mutig und Klug fragt Opernstar Helene Schneiderman

Opernstar und Weltkarriere made in Stuttgart. Ich war wirklich aufgeregt vor dem Interview mit Helene. Man trifft schließlich nicht oft einen Opernstar in einem Wohnzimmer zum netten Gespräch. Helene Schneiderman ist Kammersängerin an der Oper Stuttgart. Doch nach schon als Helene den Raum betritt, war die Atmosphäre locker und entspannt und meine Nervosität verflogen. Im Gespräch erzählt uns Helene, wie sie ihren Weg aus den USA nach Deutschland gefunden hat und wie ihre ersten Erfahrungen und Vorsingen an den deutschen Opernhäusern sie geprägt haben. Viele ihrer Eindrücke sind mir im Gedächtnis geblieben, ein Zitat besonders – ein Satz, den ihr Vater zu Helene sagte:
Ich habe noch nicht eine Person getroffen, die so wenig Karriere machen will wie du, und es trotzdem tut.
Viel Spaß Euch bei der Folge.

Was bedeutet Weltkarriere?

“Karriere heißt, dass du was machst, was du gern machst, was du liebst… manche sagen, “ich verdiene gut dran”. Für mich war es ein wunderbarer Zufall, weil ich das Geschenk vom Gesang in die Wiege gelegt bekommen habe.” sagt Helene Schneiderman in unserem wundervollen Interview über ihre bewegende Familiengeschichte, ihren Mut, nach Deutschland zu ziehen und von Deutschland aus Weltkarriere zu machen. Anfangs wusste Helene nicht, dass es Musik- und Gesangsschulen gibt, in denen die Stimme ausgebildet wird. “Ich hab‘ nur irgendwie gern gesungen.” Schon vor der Highschool hat sie mit 14,15 im Synagogen-Chor gesungen – in jiddischer Sprache. Helene erinnert sich an ein musikalisches Elternhaus – ein Bruder spielt Klavier, ein anderer Akkordeon, die Mutter sang. Zu Hause sang sie amerikanische Lieder ihrer Zeit – Carol King’s “You make me feel like a natural woman” und Elton John’s “Tiny Dancer” sie in dieser Zeit begleiteten.
So ist das im Show-Business: Take care of yourself!
Bereits früh hat sie in Musicals mitgesungen, wie “The Sound of Music” (ich nenne diesen Film immer das englische Sissi-Pendant). Helene erinnert sich an die Zeit der Stellenbesetzung. Sie überredete eine Freundin mit ihr zum Vorsingen zu gehen. Helene, die die „die Liesl“ spielen wollte, die älteste, sechszehn-jährige Tochter des Baron von Trapp, bekam jedoch die Rolle einer Nonne, die ein lateinisches Anfangssolo singen sollte. Ihre Freundin bekam die Rolle der Liesl – zu Helenes Leidwesen. „Ich mochte dieses Mädchen. Wenn sie aber wirklich eine gute Freundin gewesen wäre, hätte sie gesagt: ich möchte diese Partie nicht haben, ich möchte eine andere Rolle haben“. „Aber so ist das im Show-Business, Take care of yourself! Sie hat die Rolle bekommen. Aber sie ist krank geworden und ich durfte singen.” Schon diese Geschichte ist filmreif. Nachdem Helene in der ersten Aufführung ihre Rolle sang, wurde ihre Freundin krank und Helene sprang kurzfristig ein. Da sie die Rolle schon immer wollte, beobachtete sie bei den Proben genau, was zu tun war und die Texte kannte sie ohnehin. „Das war ein großer Erfolg für mich“. Nach ihrem Liesl-Auftritt, sang sie im Folgejahr als Dorothy im Zauberer von Oz „Somewhere over the Rainbow“. Von da an, wurden die Musicals für sie ausgesucht.

Wie erkennt man, dass man ein Talent für eine Weltbühne hat?

Eine Gesangstrainerin besprach mit ihr die weiteren Möglichkeiten einer Karriere. „Ich habe gar nicht verstanden, dass es Gesangskurse gibt. Ich war total naiv. […] Ich wusste nicht, dass es ein Beruf ist, Sängerin zu sein.“ Das änderte sich, als Helene in die Gesangsschule kam. „Es ging sehr langsam, ein kleiner Erfolg nach dem anderen. Aber, wenn ich Vorsingen hatte, habe ich die Rollen immer bekommen. Ich musste nur die Nervosität überwinden. Meine Beine haben gezittert.“ Wie erkennt man denn, dass man ein Talent hat, um ein Publikum auf internationalen Bühnen zu begeistern und nicht eins für ein Vorstadt-Programm? Es ist etwas, das sehr langsam geht. Das geht über Jahre. Immer kleine Erfolge, die dann in den nächsten Erfolg geführt haben. „Du hast eine Jahrhundertstimme – das sagt man dir nicht mit 20. Die wissen nicht mal, welches Fach du bist.“ Helene Schneiderman beantwortete sich die Frage, wie gut sie ist, durch das Feedback von außen. Die Lehrerinnen, Mitschülerinnen, die Kritikerinnen gaben ihr die Idee, dass sie eine Stimme für die Weltbühne hat. „Das Schicksal spielt eine große Rolle. Ich hatte das Gefühl, es muss sein, ich muss Sängerin werden.“ Nicht zuletzt war es ihre Lehrerin, die ihr eigenes Potential richtig einschätzte, und zu Helene sagte: „Wir müssen dir eine bessere Lehrerin suchen als mich.“ Da sie sehr jung war und Helenes Potential erkannte, ermutigte sie Helene sich in Richtung „Performance“ weiterzuentwickeln.

Meine Lehrerin im Masterstudium sagte mir: „Du gehst nach Deutschland!“

Helenes Weg führte sie nach Deutschland. „Weil meine Eltern Ausschwitz, Buchenwald, Dachau Überlebende sind, dachte ich: Ich kann nicht nach Deutschland gehen. Ich dachte, kann ich nicht nach Italien gehen?“ Doch ihre Lehrerin war unbeirrt. In deutschen Opernhäusern konnte man gut und gerne 60 Partien singen und ein großes Repertoire aufbauen. „Es ist ein tolles Training für die Karriere. Deine Eltern werden es verstehen, weil sie dich lieben!“ Ihre Eltern verstanden sie. „Wir lieben unsere Tochter mehr als wir jemanden hassen können.“ Und so ging Helene nach Deutschland für zwei Vorsingen. „Das erste Vorsingen war in Aachen. Da hatte ich zwei verschiedene Schuhe an. Das war verrückt.“ Das zweite Vorsingen, in Heidelberg, brachte ihr ihren ersten einjährigen Vertrag. Ihr Plan, ein Jahr in Deutschland zu bleiben und dann in die USA zurückzukehren, wich der Realität. Helene ist mittlerweile seit 38 Jahren in Deutschland.

Wie lernt man, den richtigen Menschen zu vertrauen?

„Meine Gabe war, dass ich intuitiv den richtigen Leuten gehorcht habe und die richtigen Leute ignoriert habe!“, sagt Helene Schneiderman. Diese Gabe half ihr, ein Angebot aus Hamburg abzulehnen, das sie von der Stuttgarter Oper weggebracht hätte. Im Nachhinein ist Helene froh, diese Entscheidung nach Beratung mit ihren Vertrauen getroffen zu haben. Auch bei der Auswahl ihrer Lehrerinnen war Helene Schneiderman umsichtig: „Ich mochte immer die, die eine gewisse Strenge, aber auch eine gewisse Wärme haben!“

Inwiefern gehört Nein-Sagen zur aktiven Karriereplanung?

Wir sprechen über das Nein sagen. Vor allem junge Menschen müssen sich im Nein-Sagen üben, sagt Helene. „Ich glaube, man muss Nein sagen können! Man denkt immer, besonders, wenn man jung ist, der Agent wird mich nie wieder etwas fragen. Das stimmt nicht. 9 von 10 mal kommt jemand wieder und fragt dich nochmal, wenn du gut bist.“ Nein-sagen, um ein Angebot hochzutreiben, ist nicht Helenes Stil, kennt sie aber von anderen. Sie sagt ‚nein‘, wenn sie ‚nein‘ meint. „Sag‘ lieber nein, wenn du ein komisches Gefühl hast!“

Wie bringt man einen großen Namen mit der passenden Leistung in Einklang?

„Ich setze auch heute noch lieber auf Überraschungseffekte und will das Publikum nicht nur mit meinem Namen, sondern vor allem mit meiner Leistung überzeugen und begeistern“, sagte Helene mal in einem Interview. „Es ist unglaublich schwer für meine [bekannten] Kolleginnen, weil man so viele Erwartungen hat.“ Ich wollte niemals dieser Haushaltsname sein. „Ich wollte lieber, dass die Leute kommen, ohne Erwartung, und sagen: wow, das war eine tolle Leistung, ich bin überrascht. Lieber als umgekehrt und sie sagen: ‚Sie ist nicht mehr so gut. Sie ist jetzt eine Karikatur von sich selbst.‘ Ich selbst bin oft enttäuscht von großen Namen.“ „Mein Vater hat mir ganz am Anfang gesagt: ‚ich hab‘ noch nie jemanden kennengelernt, so wie du, die so stark probiert keine Karriere zu machen und trotzdem es machst!‘“ Die großen Rollen hat Helene erst in ihrer späten Karriere angenommen. „Ich freue mich, dass ich mit 65 an der Wiener Staatsoper bin im Herbst. Mit 63 habe ich mein Metropolitan Opern Debut gehabt. Das ist mir genau richtig, dass ich das jetzt genießen kann.“

Was hilft bei Nervosität?

Üben üben üben, sagt Helene. Sie ist vor jedem Auftritt ein bisschen nervös und aufgeregt. Tage vorher macht sie Stimmproben und bereitet sich vor. Für einen Abendauftritt in Stuttgart, den sie alleine vorbereiten konnte, arbeitete sie mit Humor und Witz zur Auflockerung. „Vorbereitung und Konzentration machen eine gute Performance aus. Und ein gutes Publikum.“, sagt Helene Schneiderman.
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    Folge 26