Das Bild zeigt Anja Görzel im Interview mit Janina Rüger-Aamot. Beide sitzen einander zugewandt in einem Studio-Setting. Es ist eine Podcastaufnahme-Situation mit Mikrofonen. Bildunterschrift: Anja Görzel im Gespräch mit Host Janina Rüger-Aamot bei „Mutig und Klug fragt“.

S06-E03 SWR Kommunikationschefin Anja Görzel – Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien und ihre Verantwortung

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Ich bin Coach für Themen wie Präsentation, Präsenz, Auftritt, Lampenfieber. Ich begleite Menschen dabei, souverän mit dem persönlichen Verhältnis zum eigenen Produkt umzugehen: Wenn Du etwas entwickelst und verkaufst, egal ob Produkt oder Dienstleistung, steckt Dein Herzblut darin.

SWR-Kommunikationschefin Anja Görzel spricht über Pressefreiheit, Finanzierung, Fehlerkultur und Medienkompetenz. Ein Gespräch über Vertrauen, Wandel und Nähe zum Publikum.

Das Interview mit Anja Görzel war für mich eine besondere Erfahrung. Gerade in diesen Zeiten, in dem der ÖRR sich heftiger Kritik gegenübersteht. Wie sie einen Umgang damit findet, und wie der ÖRR damit umgeht, wo Verantwortung beginnt und aufhört – für mich sind das spannende Fragen. Sie mit der Kommunikationschefin des SWR direkt zu diskutieren, war mir eine große Freude.

Pressefreiheit in Deutschland: Warum unabhängige Medien so wichtig sind

„Deutschland ist in der Pressefreiheitsrangliste nicht mehr unter den besten Zehn.“ – mit diesem Satz begannen an jenem Morgen die SWR-Nachrichten. Ein Satz, der hängenbleibt. Denn was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn Pressefreiheit infrage steht? Genau darüber habe ich mit Anja Görzel gesprochen, Kommunikationschefin des Südwestrundfunks (SWR). Sie kennt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit über drei Jahrzehnten – als Reporterin, politische Redakteurin, Pressesprecherin und heute in leitender Funktion.

„Als Journalistin damals nirgendwo konnte ich unabhängiger arbeiten“, sagt sie rückblickend. Für sie ist klar: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist unverzichtbar für Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlichen Diskurs.

Finanzierung und Unabhängigkeit: Der Rundfunkbeitrag im Fokus

Kritik am Rundfunkbeitrag ist Dauerthema. Doch Görzel macht unmissverständlich klar: „Die ARD, das ZDF, wir bekommen keine Staatsgelder.“ Der Beitrag sei bewusst nicht an Steuern gekoppelt, sondern direkt an Haushalte – ein Schutz vor staatlicher Einflussnahme. Damit diese Unabhängigkeit auch überprüft wird, kontrolliert die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten), wofür die Mittel eingesetzt werden. „Viele, die uns kritisieren, wissen gar nicht, was wir alles machen“, betont Görzel. Der Auftrag sei im Staatsvertrag festgelegt: Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung – für alle Altersgruppen, von Kindern bis Senior:innen. Genau das mache den öffentlich-rechtlichen Rundfunk komplex und teuer, aber eben auch unverzichtbar.

Fehlerkultur und Vertrauen: Lernen aus der Rezo-Debatte

Ein wichtiger Teil unseres Gesprächs war die Frage nach Fehlern und Glaubwürdigkeit. Anja Görzel erinnert an den Fall rund um den YouTuber Rezo und die Redaktion STRG_F. Dort gab es journalistische Fehler – und einen massiven öffentlichen Streit. „Es war schmerzhaft“, gibt sie zu, „aber es hat dazu geführt, dass man besser wurde.“ Mehr Zeit für Recherche, stärkere Prüfmechanismen, mehr Transparenz – das sind die Konsequenzen. Ihre Haltung ist klar: Fehler passieren, aber entscheidend ist, wie man damit umgeht. „Sehr schnell erkennen, dazu stehen und daraus eine Lernkultur machen.“ Das sei im SWR gelebte Praxis.

Medienkompetenz: Tropfen auf den heißen Stein?

Ein zentrales Thema: Medienkompetenz. Fake News, Deepfakes, manipulierte Bilder – all das stellt Journalist:innen und Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Zwar gibt es beim SWR ein eigenes Medienkompetenz-Team, das Schulen besucht. „Aber das sind fünf Personen für den gesamten Südwesten“, sagt Görzel nüchtern. Viel zu wenig. Ihre Forderung ist deutlich: „Es müsste dringend ein Fach Medienkompetenz geben.“ Denn ohne systematische Bildung könne die Gesellschaft die Flut an Informationen kaum noch einordnen.

Zwischen Shitstorms und Transparenz: Kommunikation im Feuer

Als Kommunikationschefin steht Görzel genau im Spannungsfeld von Kritik, Angriffen und Transparenz. „Bei uns bleibt keine Anfrage unbeantwortet.“ Gleichzeitig sei es nötig, Shitstorms einzuordnen und gezielt zu reagieren – mit Community-Management, Monitoring und klaren Regeln. Besonders spannend fand ich ihre Einschätzung, dass Intendant Kai Gniffke selbst regelmäßig auf Twitch oder Instagram Fragen beantwortet. Nahbarkeit statt Abwehrhaltung – das ist ihre Strategie.

Wandel im SWR: Zwischen Tradition und Innovation

Görzel beschreibt den SWR als „Streber innerhalb der ARD“ – immer einen Schritt voraus. Ob erfolgreiche Podcasts wie „SWR Wissen“, Gaming-Angebote oder Innovation im X-Lab: Der Sender sucht bewusst neue Wege. Gleichzeitig verändert sich die Unternehmenskultur. Traditionelle Rollen verschwinden, neue Kompetenzen entstehen. „Veränderung ist das Schwierigste für Menschen“, sagt Görzel. Aber nur wer sich anpasst, bleibt relevant.

Ein Beispiel: Funk, das ARD-ZDF-Netzwerk für junge Menschen, strich 70 Prozent seiner erfolgreichen Formate, weil sie die falsche Zielgruppe erreichten. Schmerzhaft für alle Beteiligten, aber notwendig, um die 14- bis 29-Jährigen wirklich zu erreichen.

Persönliche Karrierewege: Sichtbarkeit, Förderung, Zweifel

Im Gespräch wird auch Görzels eigener Weg sichtbar. Früher Reporterin und Moderatorin, später Gleichstellungsbeauftragte, heute Kommunikationschefin. Doch auch sie kennt Karriereknicke: Nach der Geburt ihres Kindes 1995 fühlte sie sich plötzlich an den Rand gedrängt. „Auf einmal wollte mich niemand mehr“, erzählt sie offen. Aus dieser Erfahrung entwickelte sie Engagement für Chancengleichheit und baute Mentoring-Programme auf. Heute sieht sie vieles anders:

„Damals war es ein Knick, im Nachhinein war es eine Chance.“

Auch Selbstzweifel gehören für sie dazu. „Oft, immer noch, viel zu selbstkritisch, typisch Frau.“ Ihre Antwort darauf: Netzwerke, Coachings, und vor allem Teams, in denen man offen über Zweifel sprechen kann.

Demokratie, Verantwortung und Nähe zum Publikum

Zum Ende unseres Gesprächs wird Görzel sehr grundsätzlich. Angesichts globaler Krisen und politischer Unsicherheiten sei es entscheidend, dass Deutschland demokratisch standhält. Für den SWR heißt das: Dialog mit den Menschen vor Ort. Dafür startet der Sender die „SWR-Regiotour“ – Konzerte, Schultouren, Events in den Regionen, um direkten Austausch zu ermöglichen. „So schaffen wir Nahbarkeit, gerade dann, wenn es weltpolitisch bedrohlich aussieht.“

Für mich bleibt nach dem Gespräch die Erkenntnis: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist ein Schatz, den wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen dürfen.

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