Sabine Hahn im Interview - die Vorständin der Züblin AG lächelt in die Kamera

S06-E05 Züblin Vorständin Sabine Hahn – Karriere zwischen Planung und Baukran

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Ich bin Coach für Themen wie Präsentation, Präsenz, Auftritt, Lampenfieber. Ich begleite Menschen dabei, souverän mit dem persönlichen Verhältnis zum eigenen Produkt umzugehen: Wenn Du etwas entwickelst und verkaufst, egal ob Produkt oder Dienstleistung, steckt Dein Herzblut darin.

Wie gelingt Karriere in einer Branche, die Stabilität liebt – und sich doch ständig wandelt? Sabine Hahn, Vorständin von Züblin, spricht über Mut, Digitalisierung, Female Leadership und ihren Weg vom Büro zur Baustelle bis in den Vorstand. Ein ehrliches Gespräch über Veränderung und Chancen im Bauwesen.

Wenn man in Stuttgart-Vaihingen wohnt, kommt man an ihr kaum vorbei –der markanten ZÜBLIN-Zentrale mit dem gläsernen Atrium. Ich bin jahrelang fast täglich daran vorbeigefahren. Ich kannte dieKonzertreihe im Atrium, das beeindruckende Gebäude, die Atmosphäre. Und doch hatte ich – bis zu diesem Gespräch – nur einen sehr einseitigen Einblick in die Welt dahinter. Mit Sabine Hahn hat sich das geändert. Eine Frau, die seit fast 30 Jahren im Konzern ist, diegestaltet, führt, verändert. Eine, die nicht laut auftritt, sondern mit klugem Mut, Beharrlichkeit und Leistung überzeugt. Wir sprechen darüber, was Karriere im Baukonzern bedeutet, wie sich Mut anfühlt, wenn man ihn wirklich braucht, und was es heißt, in einer Leistungsgesellschaft zu bestehen–ohne sich selbst zu verlieren.

Sabine sagt: „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft –und wenn keiner bereit ist zu leisten, dann würden wir kein einziges Projekt fertigkriegen.“ Sabine hat sich von der kaufmännischen Angestellten bis in die Führungsebene eines der größten Bauunternehmen Deutschlands hochgearbeitet. Heute verantwortet sie Prozesse, begleitet Change-Projekte und prägt mit ihrer Haltung die Unternehmenskultur. Besonders spannend ist ihr Blick auf diejunge Generation, die mit ganz neuen Erwartungen kommt: nach Flexibilität, Teilzeit, Sabbaticals, Sinn.

Sabine nimmt diese Fragen ernst –und zeigt zugleich, dass Karriere mehr ist als Aufstieg. Es geht um Eigenverantwortung, Neugier und die Bereitschaft, Dinge auszuhalten. Wer gestalten will, sagtsie, muss lernen, mit Gegenwind umzugehen – und trotzdem weiterzumachen

Wie beginnt eine Karriere am Bau – und warum ausgerechnet mit einem Bungee-Sprung?

Sabine Hahn lacht, als sie sich erinnert: „Damals waren 30-Meter-Autokrane schon sehr beeindruckend. Und wir durften in unserer Freizeit von Autokranen aus über dem Neckar Bungee-Jumping ausprobieren – was ich natürlich mega cool fand.“ Dieser Moment steht sinnbildlich für ihren Weg: Mut, Neugier und der Wille, Neues auszuprobieren. Schon als Studentin der dualen Hochschule Baden-Württemberg arbeitete sie in einem Betrieb mit großen Autokranen und Montageteams. „Ich durfte samstags ab und zu mal die Autokranfahrer begleiten und habe riesengroße Baustellen erlebt. Ich fand die Branche extrem spannend und beeindruckend.“

Nach dem Abschluss begann sie 1995 bei Züblin – ohne klaren Plan, aber mit einer offenen Haltung. „Ich wollte einfach mal schauen, was auf mich zukommt. Ich hatte mir gar nichts vorgenommen, sondern dachte, ich lasse das jetzt mal auf mich zukommen.“

Welche Chancen bietet die Baubranche heute – und wie unterstützt Züblin neue Talente?

In den Neunzigern war Onboarding noch kein Konzept. Sabine erinnert sich: „Damals gab es das nicht. Da hatte man einen Vorgesetzten – ich hatte großes Glück, meiner war unglaublich freundlich, weitsichtig, fördernd und fordernd.“ Heute sei das anders: „Wir haben große Programme, was Onboarding, Buddies, Mentoren und Coachings angeht. Es gibt eine gesonderte Förderung von Frauen und eine offizielle EDI-Strategie 2030.“

Diese Strategie ist ambitioniert. Sie umfasst eine Gender Pay Gap von null, verpflichtende Schulungen für Führungskräfte und ein jährliches Monitoring des Frauenanteils. Sabine betont: „Da bewegen wir uns gerade bei einer Zielgröße von 6 %.“

Wie haben sich die Erwartungen an Arbeitgeber verändert?

„Die Leute, die sich bei uns bewerben, bringen heute sehr konkrete Fragen mit,“ sagt sie. „Wie kann ein Karriereweg aussehen? Wie kann ich ein Sabbatical nehmen? Was für Teilzeitmöglichkeiten habe ich?“ Das war in den Neunzigern undenkbar. Und auch das Denken in Projekten sei neu: „Ich habe den Eindruck, heute wird viel mehr in Projektlaufzeiten gedacht und geplant.“

Sabine beobachtet aber auch eine andere Erwartung: „Ich nehme häufiger zwischen den Zeilen wahr: Wenn ich heute in Ebene 5 anfange, wann bin ich in Ebene 0? Ich habe 30 Jahre gebraucht – nur als Randnotiz.“

Was braucht es, um im Bau-Management Karriere zu machen?

Sabine antwortet ohne zu zögern: „Man muss mutig sein. Wir sind wieder mal mutig.“ Widerstände gehören dazu. „Man muss auch bereit sein, mal gegen den Strom zu schwimmen und nicht everybody’s darling zu sein.“ Erfolg am Bau bedeutet, Spannungen auszuhalten, flexibel zu bleiben und sich ein gewisses Maß an Unabhängigkeit zu bewahren.

Führung bei Züblin basiert auf klaren Strukturen, aber auch auf Eigenverantwortung. „Es gibt eine Geschäftsordnung, etwa 45 Konzernrichtlinien und Mentoren, die erklären, wie das alles funktioniert. Das macht es einfacher, sich zurechtzufinden.“

Wie geht man bei Züblin mit Wandel um?

Sabine Hahn liebt Veränderung. Ihr Lieblingswort: „Change.“ Sie beschreibt die Jahre voller Umbrüche: neue EDV-Systeme, Fusionen, Reorganisationen. „Wir waren monatelang im totalen Blindflug unterwegs. Aber ich habe gemerkt, dass Veränderungen gut tun. In den meisten Fällen war es danach besser als davor.“

Heute denkt sie systemischer: „Kommunikation ist fast so wichtig wie der Veränderungsprozess selbst. Man kann nicht oft genug erklären, wozu man etwas macht.“

Die größte Veränderung sieht sie in der Digitalisierung„Robotik hat bei uns eine große Bedeutung. Wir versuchen, an immer mehr Stellen Roboter einzusetzen. Aber auch die Digitalisierung beschleunigt Prozesse, reduziert Fehlerquellen und ermöglicht weltweite Zusammenarbeit.“

Wie sieht die Zukunft des Bauens aus?

Trotz Krisen bleibt Sabine optimistisch. „Wir sind ein sogenannter Tausendfüßler. Wir sind so divers aufgestellt, dass es uns gelingt, Dellen in einer Disziplin durch andere auszugleichen.“

Auf die Frage, wen Züblin sucht, antwortet sie: „Wir brauchen Leute, die sich darauf einlassen, dass sie heute nicht wissen, was morgen passiert. Flexibilität ist ein großer Bonus.“

Und zur vielzitierten Behäbigkeit der Branche sagt sie klar: „Was unseren Konzern angeht, würde ich da vehement widersprechen.“

Wie verändert sich Female Leadership im Bauwesen?

2007 war Sabine eine von drei Frauen unter 180 Männern auf der Managementtagung. Heute sind es 260 Teilnehmerinnen. „Unsere Frauenquote liegt inzwischen bei 10 %. Es sind viele Kolleginnen nachgerückt – das ist ein gutes Zeichen.“

Besonders stolz ist sie auf neue Möglichkeiten für Mütter: „Ich habe es vor zwei Jahren zum ersten Mal erlebt, dass eine Kollegin in Elternzeit eine Ernennung ins Management bekommen hat. Das ist ein tolles Zeichen.“

Züblin setzt auf flexible Arbeitszeitmodelle, Homeoffice und Eltern-Kind-Arbeitszimmer. „Wir möchten niemanden in die Situation bringen, sich zwischen Karriere und Familie entscheiden zu müssen.“

Lässt sich Karriere planen – oder ist sie eher ein Sprung ins Ungewisse?

Sabine schmunzelt: „Die Frage ist: Lässt sich Karriere planen?“ Sie glaubt an Vorbereitung, aber auch an Zufall. „Es gehört ein Quäntchen Glück dazu, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.“

Was sich planen lässt, sind Entwicklungsschritte. „Wir haben sehr ausgefeilte Schulungsprogramme für alle Hierarchieebenen, Development- und Assessment-Center, Talentpools.“ Doch der entscheidende Faktor bleibt das Mindset. „Ich bin immer offen für Neues, diszipliniert, gelassen, robust und neugierig.“

Was bedeutet unternehmerisches Denken am Bau?

„Ich frage meine Leute oft: Was würdest du tun, wenn das dein eigenes Bauvorhaben wäre?“ Diese Perspektive schärft Verantwortung. „Qualität, Kosten, Termine – das sind die drei Schlüsselbegriffe des unternehmerischen Denkens.“ Und auch Leistungsbereitschaft gehört dazu: „Wenn keiner bereit ist zu leisten, würden wir kein einziges Projekt fertig kriegen.“

Was motiviert sie bis heute?

„Momente, die mich unglaublich glücklich machen, sind die, wenn wir ein Projekt vom ersten Kundenkontakt bis zur Fertigstellung begleiten und dann vor dem Gebäude stehen.“ Dieses Gefühl von Teamstolz und greifbarem Ergebnis sei unvergleichlich.

Und auf die Frage, was sie jungen Frauen mitgeben möchte, sagt Sabine Hahn zum Abschluss: „Seid mutig. Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist. Entweder ihr gewinnt oder ihr lernt dazu.“

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