Transparenzhinweis: Dieser Beitrag wurde auf Basis des Podcast-Transkripts mit KI-Unterstützung redaktionell vorbereitet und wurde vor Veröffentlichung von der Redaktion geprüft.
Ein Brief sieht aus, als käme er vom Amt. Adler, Registersprache, Zahlungsziel: fünf Tage. Der Betrag ist hoch genug, um weh zu tun, aber niedrig genug, um ihn vielleicht einfach zu überweisen.
Genau auf diesen Moment setzen manche Geschäftsmodelle. Junge Unternehmen haben gerade gegründet, kümmern sich um Kundinnen und Kunden, Produkt, Steuern, Website, Konto, Verträge und alle kleinen Baustellen, die plötzlich gleichzeitig da sind. Dann kommt Post. Oder ein Anruf. Oder eine Abmahnung. Und alles in dieser Kommunikation sagt: schnell, jetzt, sonst wird es teuer.
In dieser Folge von Mutig und Klug fragt spreche ich mit Prof. Dr. Felix Buchmann darüber, wie junge Unternehmen solche Situationen besser einordnen können. Felix ist Rechtsanwalt, Partner bei Dornkamp und auf Themen rund um Startups, Verträge, Gesellschaftsrecht, Marken, Software, KI, Datenschutz und Konflikte spezialisiert. Mehr zu Prof. Dr. Felix Buchmann findet Ihr auf seiner Seite bei Dornkamp.
Felix war schon einmal bei uns zu Gast. Damals ging es um Insolvenz im Startup, Zahlungsunfähigkeit und die Frage, wann Gründerinnen und Gründer wirklich handeln müssen. In dieser neuen Folge wird es wieder sehr praktisch. Es geht um Fake-Rechnungen nach der Gründung, rechtssichere Websites, aggressive Sales-Calls, fragwürdige Coachings, öffentliche Bewertungen, Unterlassungserklärungen und um KI-Antworten, die überzeugend klingen und trotzdem gefährlich falsch sein können.
Der Moment, in dem Tempo zur Falle wird
Felix beschreibt am Anfang der Folge eine Situation, die viele frisch gegründete Unternehmen kennen: Nach der Eintragung im Register kommen plötzlich Schreiben, die amtlich aussehen. Sie beziehen sich auf reale Vorgänge. Handelsregister. Markenregister. Veröffentlichung. Eintragung. Alles wirkt, als müsse man es bezahlen.
Der entscheidende Mechanismus ist der Zeitdruck. Felix sagt im Gespräch: „je kürzer die Frist ist, desto mehr ist der Zeitdruck da“. Genau das soll passieren. Wer glaubt, in fünf Tagen zahlen zu müssen, prüft weniger genau. Wer nebenher noch operative Themen lösen muss, überweist eher, damit die Sache vom Tisch ist.
Sein Hinweis ist deshalb sehr klar: Ruhe reinbringen. Prüfen, ob es wirklich eine öffentliche Stelle ist. Schauen, ob die IBAN plausibel ist. Nachdenken, welche Kosten tatsächlich zur Gründung oder Registereintragung gehören. Und wenn Unsicherheit bleibt, jemanden fragen, der solche Schreiben kennt.
Besonders hilfreich fand ich seinen Satz: „Der Staat braucht zwar Geld, aber nicht so dringend und nicht so schnell.“ Das ist keine juristische Einzelfallprüfung. Aber es ist ein guter Realitätscheck, wenn ein angeblich offizielles Schreiben eine extrem kurze Frist setzt.
Die erste Website und die Angst vor der Abmahnung
Viele Gründerinnen und Gründer starten mit einer einfachen Website. Eine Landingpage, ein Kontaktformular, ein Newsletter, vielleicht später ein Shop. Genau an dieser Stelle entstehen schnell Unsicherheiten: Was muss ins Impressum? Reicht eine Datenschutzerklärung? Darf ich Google Analytics nutzen? Brauche ich ein Cookie-Banner? Was ist mit Datenübermittlung in die USA?
Felix ordnet das nüchtern ein. Bei einer reinen Informationsseite braucht es vor allem ein korrektes Impressum und eine Datenschutzerklärung, die zur tatsächlichen Website passt. Komplexer wird es, sobald Daten verarbeitet, Tracking eingebunden, Newsletter verschickt, Bezahlprozesse angeschlossen oder fremde Dienste integriert werden.
Was man laut Felix nicht tun sollte: irgendeinen Text kopieren, der ungefähr rechtlich klingt. „Bei Jura geht es nicht darum, einfach irgendeinen Text zu haben“, sagt er. Der Satz bleibt hängen, weil er so viele schnelle Lösungen entlarvt. Ein Datenschutzhinweis ist kein Deko-Element. Er muss beschreiben, was wirklich passiert.
Für junge Unternehmen heißt das: Lieber früh verstehen, welche Funktionen die eigene Website tatsächlich hat, als sich mit langen Standardtexten zu beruhigen. Ein kleiner, sauberer Auftritt kann sinnvoller sein als ein technisch aufgeladenes Setup, das man rechtlich nicht überblickt.
Wenn am Telefon etwas anderes verkauft wird als im Vertrag steht
Ein weiterer Teil der Folge dreht sich um Angebote, die mit Druck verkauft werden. SEO-Agenturen, Coachingprogramme, schnelle Versprechen, angeblich begrenzte Plätze, Aufzeichnungen von Verkaufsgesprächen, Vertragsbedingungen, die später anders klingen als das, was am Telefon gesagt wurde.
Felix erklärt, warum hier die Dokumentation so wichtig ist. Was steht im Vertrag? Welche Laufzeit ist vereinbart? Gibt es ein Widerrufsrecht? Wurde als Verbraucherin oder Unternehmer gehandelt? Welche Leistung ist wirklich geschuldet? Und was lässt sich später beweisen?
Für Gründerinnen und Gründer ist das unangenehm, weil man in der Anfangsphase oft dankbar für Angebote ist, die nach Abkürzung aussehen. Mehr Sichtbarkeit. Mehr Leads. Mehr Reichweite. Mehr Umsatz. Aber genau deshalb lohnt es sich, nicht aus dem Gespräch heraus zu unterschreiben.
Die Folge ist an dieser Stelle keine Warnung vor jeder Agentur und keinem Coaching. Sie ist eher eine Erinnerung daran, dass professionelle Angebote klare Verträge aushalten müssen. Wenn die wichtigste Verkaufsstrategie Druck ist, sollte man sehr genau lesen.
Was darf man sagen, wenn eine Erfahrung schlecht war?
Ich schildere Felix im Gespräch den Fall eines jungen Unternehmers, der öffentlich über schlechte Erfahrungen mit einem Anbieter geschrieben hat und danach massiv unter Druck gesetzt wurde. Felix sortiert daran die Grenze zwischen Tatsachen, Meinung und Diffamierung.
Ein Satz ist dabei wichtig: „Was wahr ist, darf ich sagen.“ Gleichzeitig ist der Kontext entscheidend. Wahrheitsgemäße Tatsachenbehauptungen, persönliche Bewertungen und herabsetzende Angriffe sind juristisch nicht dasselbe. Wer öffentlich schreibt, sollte sauber bleiben: konkrete Fakten, belegbare Abläufe, keine Übertreibungen, keine Schmähungen.
Das ist besonders relevant, weil junge Unternehmen heute sehr öffentlich lernen. LinkedIn, Blog, Newsletter, Podcast, Bewertungen und Communitys sind Orte, an denen Erfahrungen geteilt werden. Wenn darauf sofort mit Abmahnung, Löschaufforderung oder Unterlassungserklärung reagiert wird, entsteht schnell Angst.
Felix zeigt im Gespräch, dass man auch hier nicht reflexhaft einknicken sollte. Prüfen. Belege sichern. Fachlichen Rat einholen. Dann entscheiden, ob etwas angepasst, entfernt oder verteidigt wird.
Konfliktfähigkeit ist Teil von Unternehmertum
Mir ist in dieser Folge wieder aufgefallen, wie wenig wir über Konfliktfähigkeit als Gründungskompetenz sprechen. Viele Gründungsgeschichten handeln von Idee, Markt, Finanzierung, Sichtbarkeit, Team. Weniger oft geht es darum, wie man reagiert, wenn jemand eine kurze Frist setzt, mit Kosten droht oder juristische Sprache benutzt, um einen klein zu machen.
Felix sagt an einer Stelle sehr trocken: „Ich bin Anwalt, das ist ja mein Job.“ Für ihn gehört Auseinandersetzung zum Beruf. Für viele Gründerinnen und Gründer fühlt sie sich aber erst einmal persönlich an. Man hat Angst, etwas falsch gemacht zu haben. Man möchte Ruhe. Man will keinen Streit.
Genau daraus entsteht das Risiko, vorschnell zu zahlen, zu unterschreiben oder Dinge zu löschen, ohne die Folgen zu kennen. Eine Unterlassungserklärung kann langfristig binden. Eine Zahlung kann ein Geschäftsmodell bestätigen. Ein vorschnelles Eingeständnis kann später schwer zu korrigieren sein.
Konfliktfähigkeit heißt nicht, jeden Streit zu führen. Es heißt, die eigene Entscheidung nicht aus Panik zu treffen. Manchmal ist Zahlen wirtschaftlich sinnvoll. Manchmal ist Gegenhalten wichtig. Manchmal reicht eine saubere Antwort. Der Punkt ist: Diese Entscheidung braucht Prüfung.
Warum KI bei Rechtsfragen gefährlich plausibel klingen kann
Wir sprechen auch über KI. Gerade für Gründerinnen und Gründer ist es verlockend, eine rechtliche Frage schnell in ein KI-Tool zu schreiben. Die Antwort kommt sofort, klingt sortiert und liefert oft sogar eine scheinbar klare Formulierung.
Felix warnt vor genau dieser Oberfläche. „Eine KI funktioniert nur so, wie ich eben die Fragen stelle“, sagt er. Wenn der Prompt unvollständig ist, wenn der Kontext fehlt oder wenn man die rechtliche Bedeutung einer Formulierung nicht erkennt, kann eine Antwort an der entscheidenden Stelle falsch sein.
Das Gefährliche ist nicht, dass alles falsch wäre. Im Gegenteil: Viele Antworten klingen teilweise richtig. Aber bei juristischen Fragen reicht es nicht, ungefähr in die richtige Richtung zu gehen. Ein falsch formulierter Satz in einer Unterlassungserklärung, einem Vertrag oder einer Haftungsbegrenzung kann Folgen haben, die man beim Kopieren nicht sieht.
Deshalb passt diese Folge auch sehr gut in eine Zeit, in der wir KI produktiv nutzen und gleichzeitig transparenter damit umgehen müssen. KI kann beim Strukturieren, Vorbereiten und Nachdenken helfen. Sie ersetzt keine individuelle Rechtsberatung und keine Verantwortung für das, was am Ende veröffentlicht, unterschrieben oder versendet wird.
Bloß nicht hektisch werden
Am Ende bringt Felix die Folge auf eine Reihenfolge, die ich mir sehr gut merken kann: „Nachdenken, Rat einholen, nochmal nachdenken, Entscheidung treffen.“
Das klingt schlicht. Aber in Drucksituationen ist genau das schwer. Wer eine kurze Frist sieht, will schnell handeln. Wer juristische Sprache liest, fühlt sich klein. Wer zum ersten Mal Post vom Anwalt bekommt, fragt sich sofort, ob jetzt alles eskaliert.
Felix‘ Rat ist: „Ruhe bewahren, bloß nicht hektisch werden und bloß nicht schnell irgendwas machen.“ Genau darum geht es in dieser Folge: ruhiger werden, ohne sorglos zu werden, und handlungsfähig bleiben.
Wenn Ihr gerade gründet oder schon gegründet habt, hört diese Folge am besten, bevor der erste komische Brief kommt. Dann habt Ihr die innere Reihenfolge schon parat, wenn es darauf ankommt.
Weiterhören bei Mutig und Klug fragt
Felix Buchmann war schon einmal bei Mutig und Klug fragt zu Gast. In S06-E06: Startup-Anwalt Felix Buchmann über Insolvenz im Startup sprechen Vera und Felix darüber, wann eine Krise rechtlich ernst wird und was Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer beachten müssen.
Wer sich für Gründung, Verantwortung und konkrete Entscheidungssituationen interessiert, sollte beide Folgen zusammen hören. Sie zeigen zwei Seiten derselben unternehmerischen Realität: wachsen wollen und rechtzeitig sauber handeln.
Janina Rüger-Aamot spricht mit Prof. Dr. Felix Buchmann darüber, wie junge Unternehmen Fake-Rechnungen, dubiose Angebote, Abmahndruck, Unterlassungserklärungen und KI-Antworten bei Rechtsfragen besser einordnen können.
Felix Buchmann empfiehlt, Ruhe zu bewahren und genau zu prüfen, ob das Schreiben wirklich von einer öffentlichen Stelle kommt, welche Zahlung tatsächlich geschuldet ist und ob die Frist plausibel ist. Bei Unsicherheit sollte fachlicher Rat eingeholt werden.
Im Gespräch erklärt Felix Buchmann, dass Impressum und Datenschutzerklärung zur tatsächlichen Website passen müssen. Wer Texte einfach kopiert, beschreibt möglicherweise Dienste, Datenflüsse oder Pflichten falsch.
Entscheidend ist, was im Vertrag steht und was später nachweisbar ist. Mündliche Versprechen, kurze Entscheidungsfristen und Druck im Verkauf sollten Anlass sein, die Unterlagen sorgfältig zu prüfen.
Felix Buchmann unterscheidet zwischen wahren Tatsachen, Meinungen und herabsetzenden Angriffen. Wahrheitsgemäße, belegbare Erfahrungen können grundsätzlich geäußert werden; öffentliche Beiträge sollten aber sachlich bleiben und im Zweifel rechtlich geprüft werden.
Unterlassungserklärungen können langfristige Verpflichtungen und Vertragsstrafen auslösen. Deshalb sollte man sie vor einer Unterschrift prüfen lassen und erst danach entscheiden.
Felix Buchmann warnt davor, KI-Antworten bei Rechtsfragen ungeprüft zu übernehmen. Sie können plausibel klingen und trotzdem an entscheidenden Stellen falsch sein, besonders wenn der Kontext oder die richtige Fragestellung fehlt.

